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Von Dr. Benno Röggla
Ausgebeutet von einer handvoll skrupelloser Generäle fristen die Menschen Burma's ein Leben in Agonie. Hunger und ökonomische Not soll den 136 Völkern Burma's den letzten Drang nach Freiheit und Demokratie rauben, Zwangsarbeit und Folter den letzten Funken von Aufstand im Keim ersticken. Die einzige Hoffnung der Menschen, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, lebt seit 8 Jahren unter Hausarrest und ist pausenlos zermürbenden Morddrohungen durch die Rädelsführer der Junta ausgesetzt. Der Augenzeugenbericht eines Burmareisenden.
Mein spontaner Entschluß im Juni 1997, Burma zu bereisen, hatte wohl eher mit meinem Interesse am Buddhismus und an der Meditation zu tun, als mit irgendwelchen menschenrechtlichen Überlegungen. In Burma wird nämlich der ursprüngliche Buddhismus der Theravada Tradition gelebt, und das hat mich besonders interessiert. Außerdem ist Burma als „archäologisches Disneyland„ bekannt, stehen doch dort die meisten, ältesten und wahrscheinlich prächtigsten Pagoden in ganz Südostasien. Alleine 2.000 davon in Pagan, viele davon mit Gold überzogen. Von der 95m hohen Schwedagon Pagode in der Hauptstadt Rangoon wird behauptet, der güldene Mantel bestünde aus mehr Gold, als in der Bank of England lagere.
Mein Interessenschwerpunkt verlagerte sich aber bereits bei Ankunft in Rangoon. Schon beim Abflug wurde mir mitgeteilt, daß Rangoon jetzt bitteschön Yangon heißen muß und Burma Myanmar. Und als am Flughafen zwei Uniformierte vor allen anderen Passagieren aussteigen durften und mit einem klimatisierten Luxusbus zum Terminal chauffiert wurden, während wir Normalsterblichen in einem stinkenden und klapprigen Wrack platznehmen mußten, wußte ich, was es geschlagen hatte.
Der erste Eindruck von Rangoon (ich bleibe dabei) war überwältigend: ein städtebauliches Juwel, eine Mischung aus britischem Kolonialstil mit fernöstlicher Prägung ,verkam in einer Manier, die Böses vermuten ließ. Und das Böse war überall präsent, stand an jeder Straßenecke, in Form von bewaffneten Militärs. Aber, die man sieht, sind gar nicht die Gefährlichen, sondern die Unsichtbaren, die Militärspitzel, von denen das Land in guter Ostblockmanier durchwuchert ist.
Man sieht die Angst der Menschen in ihren ausgemergelten Gesichtern. Gerne würden sie mit mir reden, aber mehr als ein herzliches Lächeln kommt nicht über die Lippen. Ein falsches Wort, und sie landen im Gefängnis, werden geschlagen, mit Zigaretten und elektrischen Schocks malträtiert, nächtelang des Schlafes beraubt. Und danach in die überfüllten Gefängnisse geschmissen, jahrelang. Die westliche Massentierhaltung ist menschlicher, die Tiere dort werden zumindest anständig ernährt. Hilfe ist kaum zu erwarten. Die Generäle haben die meisten Hilfsorganisationen aus dem Land geschmissen. Sogar das Rote Kreuz.
Alles begann am 8.8.88
Begonnen hat alles am 8.8.88, als zehntausende Menschen, vor allem Studenten, auf die Straße gingen und das Ende der 26 Jahre dauernden Diktatur sozialistischer Prägung forderten. Ohne Vorwarnung schritt das Militär ein, schoß wahllos in die Menge. Tausende junger Menschen starben, viele, viele mehr verschwanden in den politischen Gefängnissen. Einige Generäle schwangen sich an die Macht, das State Law And Order Restoration Council (SLORC) wurde gegründet, der Ausnahmezustand ausgerufen.
Engagierte Menschen rund um die spätere Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hielten die kleine Flamme der Demokratie am Leben, und unter großem internationalen Druck geschah am 27. Mai 1990 das Wunder, allgemeine Wahlen wurden durchgeführt. Die Bewegung um Aung San Suu Kyi, die National League for Democracy (NLD) gewann über 80% der Parlamentssitze.
Die Generäle bereiteten den Träumen der 45 Millionen Burmesen und der 136 verschiedenen Völker des Landes einen brutales, abruptes Ende. Die Wahlen wurden nicht anerkannt, die Mitglieder der NLD verhaftet und gefoltert, deren Familien umgesiedelt und deren Sympathisanten ebenso. Viele wurden deportiert und zu Zwangsarbeit verurteilt, wo sie an den Strapazen elendiglich zugrunde gingen. Aung San Suu Kyi, die Galleonsfigur, wurde unter Hausarrest gestellt. Wahrscheinlich wurde sie deshalb nicht gleich ermordet, um den Zorn der internationalen Völkergemeinschaft nicht überzustrapazieren.
Seit damals schalten und walten die Generäle des SLORC (seit heuer sarkastischerweise in State Peace And Developement Council umbenannt) willkürlich in die eigenen Taschen und zum Wohlergehen ihrer Familien und Freunderln.
Die Ausbeutung ist groß
Die Menschen in Burma sind sich selbst überlassen, niemand hilft ihnen, sich der Ausbeuter zu erwehren. Und die Ausbeutung ist allumfassend. Die Bauern müssen sich verpflichten, einen Teil der Reisernte zu einem festgesetzten Preis, weit unter Marktwert an das Militär zu verkaufen. Zur Zeit ist wegen Dürre Reisknappheit. Die Bauern können nicht liefern, auch nicht am Markt zukaufen, da allerorts das Geld fehlt, und die Marktpreise um ein Vielfaches gestiegen sind. Das Militär verhaftet daher die Bauern der Reihe nach, um sie nach ca. einem Monat Haft und Zwangsarbeit gegen die schriftliche Verpflichtung freizulassen, die vereinbarte Reismenge doch zu liefern. Die Bauern verschulden sich deshalb zu Wucherzinsen bei den Freunderln der Generäle. Sie selbst essen minderwertigen Bruchreis, jener Reis, der bei uns im Tierfutterregal zu finden ist (wie mein burmesischer Freund kürzlich bei seinem Besuch in Südtirol mit Erschaudern feststellte).
Wasser ist aber auch bei normaler Wetterlage knapp. Die Menschen in den Dörfern holen sich das Trinkwasser aus zentralen Brunnen. Manchmal sind lange Warteschlangen auszumachen. Und zwar genau an jenen dieselmotorbetriebenen Brunnen, die damals, als es noch erlaubt war, von Hilfswerken finanziert wurden. Anstatt sie vorschriftsmäßig täglich zu betreiben, beschränken die Militärs die Betriebszeit auf ein bis zwei Halbtage pro Woche. Der ersparte Treibstoff wird von den Soldaten zur Gehaltsaufbesserung am Schwarzmarkt verkauft.
Auch Kinder müssen arbeiten
Das Schlimmste ist die Kinderarbeit. Nicht nur in den Textil- und Zigarrenfabriken schuften Zehnjährige unter unwürdigsten Bedingungen 12 und mehr Stunden zu einem Hungerlohn von ca. 600 Lire am Tag (das reicht nicht einmal fürs Essen). Vor allem die Straßenarbeit wird von Kindern verrichtet, und zwar hauptsächlich von Mädchen, da es dazu keinerlei Qualifikation bedarf, und die Buben daheim mithelfen müssen. Straßenbaumaschinen gibt es außer Walzen keine. Alles muß mit bloßen Händen getan werden. In die Schlaglöcher wird der Asphalt hineingeklötzelt, auf praktisch unbesicherten Baustellen, unter dem wachenden Auge der erwachsenen Aufseher.
Vielleicht ist dieses Los für die Mädchen immer noch das Bessere. Viele Mädchen werden aus purer Not von ihren Eltern verkauft und landen, von skrupellosen Mädchenhändlern ausgebeutet, auf dem Strich. Hundertausende Burmesinnen arbeiten in den Bordellen, auch der benachbarten Länder. Aufklärung gibt es keine. Darum grassiert AIDS in Burma mit derselben Vehemenz, wie in den zentralafrikanischen Staaten.
Ein Großteil des Straßenbaus wird grundsätzlich von Zwangsarbeitern erledigt. Aber nicht etwa nur von Gefangenen. Nein. Ohne Rücksicht werden Menschen, Familien, ja ganze Dorfgemeinschaften von den Militärs einfach zwangsverschleppt. Ohne Sold, ohne Verpflegung und Unterkunft schuften sie unter der Aufsicht von bewaffneten Militärs. Wer krank ist, wird nicht geschont.
Auch die Regenwälder des Landes werden gnadenlos unter Einsatz von Zwangsarbeitern abgeholzt. Als Entschädigung dafür, muß jede Familie auf dem Land auf eigene Kosten je 3 Teakbäume pflanzen und erhalten!
Von allen in Stich gelassen
Die hygienischen Verhältnisse sind erschütternd. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, kaum elektrischen Strom, keine Fenster, keine Möbel, keine Klo's. Gekocht wird auf offenen Feuerstellen, geschlafen auf Matten, die Kinder spielen inmitten von Schmutz und Tierexkrementen.
Fast alle Hilfsorganisationen wurden des Landes verwiesen, medizinische Versorgung gibt es kaum. Wer ins Krankenhaus muß, ist gezwungen, Laken und Medikamente selbst mitzubringen. Nur die Militärspitäler sind topmodern ausgerüstet. Sogar Herzoperationen werden dort von eingeflogenen Spezialisten aus Singapur durchgeführt. Aber eben nur für die Militärs und deren Helfershelfer.
Die Universitäten sind seit 1988 geschlossen, nur die militärische Akademie und die technische Fakultät sind geöffnet, denn Ingenieure brauchen die Generäle. Während meiner Reise, waren auch sämtliche andere Schulen zu. Man wollte damit alle möglichen Unruheherde in Hinblick auf den ASEAN Beitritt Burma's ausschließen. Außerdem sind dumme Menschen leichter zu kontrollieren.
So können wir helfen
Aung San Suu Kyi hat jetzt den Militärs ein Ultimatum gestellt: Einsetzung des gewählten Parlamentes bis zum 21. August 1998. Die Reaktion war eine Verhaftungswelle unter den Mitgliedern der NLD. Aber auch auf seiten der Demokraten, die den Kampf um die Demokratie bisher mit friedlichen Mitteln ausgefochten haben, brodelt es. Einige Bombenattentate hat es bereits gegeben. Bei einem Attentat in einem Kino in Mandalay starben etwa 20 Menschen. Die Stituation ist zum Platzen gespannt.
Hilfe von außen ist nur in geringem Ausmaß möglich, sogar der ökonomische Druck durch Sanktionen hat die Generäle bis dato nicht weichgekriegt, denn da sind ja noch die chinesischen Freunde der Generäle. Und die Einnahmen aus dem Heroinhandel. Burma steht nämlich für 60% der Welt-Heroinproduktion; Heroin in einer Güte und Reinheit, die noch viele Menschen im Westen in die Sucht und den Tod treiben wird.
Die meisten westlichen Firmen haben bereits das Land wegen angedrohter Einkaufsboykotte durch amerikanische und europäische Menschenrechtsorganisationen verlassen, nur noch die französische Firma Total treibt ihre Erdölförderungen ungeniert voran.
Viele Reiseanbieter haben Burma aus dem Angebot genommen (nicht die italienischen. Die Italiener stellen übrigens nach den Franzosen das Gros der Touristen) , oder konzentrieren ihr Planung auf die wenigen, von Privatpersonen betriebenen Hotels und Touroperators vor Ort. So kommt zumindest ein Teil der Einkünfte den Menschen zugute (der andere Teil fließt auf dem Korruptionswege in die Taschen der Offiziere).
In Bozen hat sich jetzt eine Gruppe formiert, die versucht, die Öffentlichkeit konsequent auf das Problem Burma aufmerksam zu machen, Politiker im Lande und in Europa für das Thema zu sensibilisieren (um politischen Druck aufzubauen) und Ausbildungsprojekte für Burmesen im Ausland zu fördern. Diese Burmesen kehren bei Eintritt der Demokratie wieder in ihr Land zurück, um dann am Aufbau Burma's mitzuarbeiten.
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